Schnittschutzhandschuhe: EN 388 einfach erklärt – welche Klasse für welche Tätigkeit

Nicht jeder Schnittschutzhandschuh eignet sich für jede Tätigkeit – wer beim Umgang mit Blech, Glas oder scharfen Klingen zum falschen Modell greift, riskiert trotz Handschuh eine Verletzung. Die Kennzeichnung nach EN 388 verrät genau, wie belastbar ein Handschuh wirklich ist, und die Beschichtung entscheidet über Grip, Tastgefühl und Chemikalienbeständigkeit. Dieser Ratgeber erklärt beides verständlich und zeigt anhand konkreter Produkte, was für welche Arbeit sinnvoll ist.

Wie liest man die EN-388-Kennzeichnung?

Auf jedem normgerechten Schnittschutzhandschuh steht eine Kombination aus vier Ziffern und einem Buchstaben, z. B. 4X43D. Jede Stelle steht für ein eigenes Testergebnis mit einer genau definierten Skala:

Stelle Was wird geprüft? Klasse 0 Klasse 1 Klasse 2 Klasse 3 Klasse 4 Klasse 5
1. Ziffer Abriebfestigkeit (Scheuertouren bis zum Durchscheuern) 0–99 100–499 500–1.999 2.000–7.999 ab 8.000 –
2. Ziffer Schnittfestigkeit, alte Methode / Coupe-Test (Schnittindex im Vergleich zu Referenzmaterial) 0–1,1 1,2–2,4 2,5–4,9 5,0–9,9 10,0–19,9 ab 20,0
3. Ziffer Weiterreißfestigkeit (Kraft in Newton bis zum Einreißen) 0–9,9 N 10–24,9 N 25–49,9 N 50–74,9 N ab 75 N –
4. Ziffer Durchstichfestigkeit (Kraft in Newton bis zum Durchstich mit geradem Dorn) 0–19,9 N 20–59,9 N 60–99,9 N 100–149,9 N ab 150 N –

Ein Beispiel: Bei 4X43D bedeutet die "4" an erster Stelle mindestens 8.000 Scheuertouren (sehr abriebfest), das "X" an zweiter Stelle, dass der alte Coupe-Test kein verlässliches Ergebnis liefert (siehe unten), die "4" an dritter Stelle mindestens 75 N Weiterreißfestigkeit, und die "3" an vierter Stelle 100–149,9 N Durchstichfestigkeit.

Der Buchstabe: Schnittfestigkeit nach ISO 13997 (TDM-Test)

Klasse A B C D E F
Erforderliche Kraft 2 N 5 N 10 N 15 N 22 N 30 N

Je höher die Newton-Zahl, desto mehr Kraft braucht eine scharfe, gerade Klinge, um das Material bei definiertem Anpressdruck zu durchtrennen – und desto schnittfester ist der Handschuh.

Warum steht oft ein "X" an zweiter Stelle?

Bei modernen Hochleistungsmaterialien (z. B. HPPE-Fasern) stumpft die rotierende Klinge des alten Coupe-Tests häufig vorzeitig ab, ohne dass sich verlässlich ermitteln lässt, wie schnittfest das Material wirklich ist. In diesem Fall wird die zweite Ziffer als "X" ("nicht bestimmbar") ausgewiesen, und stattdessen zählt ausschließlich der Buchstabe (A–F) nach der neueren, realistischeren ISO-13997-Methode. Ein "X" ist also kein Mangel – im Gegenteil, es tritt gerade bei sehr schnittfesten Materialien auf.

Das optionale "P"

Ein zusätzliches "P" am Ende der Kennzeichnung (z. B. bei Handschuhen mit verstärktem Knöchelschutz) zeigt an, dass der Handschuh zusätzlich gegen stumpfen Aufprall/Schlag geprüft wurde und diesen Test bestanden hat.

Welche Schnittschutzklasse für welche Tätigkeit?

Klasse (Buchstabe) Schutzniveau Typische Einsatzbereiche
A–B Leicht Leichte Montage, Verpackung, allgemeine Handhabung
C Mittel Metallteile mit leicht scharfen Kanten, allgemeine Werkstattarbeiten
D Mittel-hoch Blechverarbeitung, Glashandling, Automobilmontage
E–F Hoch Arbeiten mit Messern/Klingen, Metallverarbeitung mit scharfen Graten, Recycling

Höher ist dabei nicht automatisch "besser": Ein Handschuh mit sehr hoher Schnittschutzklasse ist oft steifer und weniger tastempfindlich. Für Montagearbeiten, bei denen Fingerfertigkeit zählt, ist ein passgenauer Level-C- oder D-Handschuh häufig praktikabler als ein überdimensionierter Level-F-Handschuh.

Beschichtungsarten: Welches Material für welchen Einsatz?

Neben der Schnittschutzklasse entscheidet die Beschichtung der Handfläche darüber, wie gut ein Handschuh in der Praxis funktioniert – Grip, Tastgefühl und Beständigkeit gegen Öl, Fett oder Nässe unterscheiden sich je nach Material deutlich.

  • Nitril (NBR): Robuster, vulkanisierter Synthesekautschuk. Flüssigkeitsdicht, sehr beständig gegen Öle, Fette und Kohlenwasserstoffe, guter Trockengriff und hohe Abriebfestigkeit. Ein echter Allrounder für Montage- und Werkstattarbeiten – z. B. beim Hase PU Grey oder in Kombination mit Schnittschutzfasern bei den Medio-Cut-Modellen.
  • Nitrilschaum: Offenporige, weichere Variante von Nitril. Besonders griffsicher in feuchter oder leicht öliger Umgebung, gutes Tastempfinden, leitet Wärme und Feuchtigkeit ab. Wird häufig bei Schnittschutzhandschuhen eingesetzt, z. B. bei Hase Medio Cut Foam, Medio Cut Neo und Turin Foam Cut D.
  • Polyurethan (PU): Dünne Kunststoffbeschichtung auf Nylon- oder Polyester-Trägermaterial. Leicht, atmungsaktiv, sehr hohe Taktilität – ideal für Präzisionsarbeiten und ESD-empfindliche Montage, z. B. bei ESD-Montagehandschuhen wie dem Hase Padua ESD. Weniger beständig gegen Öle als Nitril.
  • Latex (Naturkautschuk): Sehr flexibel und elastisch, ausgezeichneter Griff auch bei Nässe. Nachteil: mögliches Allergierisiko bei Latexunverträglichkeit, geringere Beständigkeit gegen bestimmte Chemikalien. Geeignet für Bau, Landwirtschaft und Arbeiten im Freien, etwa bei Winterhandschuhen wie dem Hase Snow Master.
  • PVC (meist als Noppen): Beständig gegen Wasser und viele organische Lösemittel, klebt nicht an Leimen/Klebstoffen. PVC-Noppen erhöhen zusätzlich den Grip beim Greifen glatter oder nasser Gegenstände, z. B. beim Hase Namur mit PVC-Noppen.

Beispiele aus der Praxis

Zur Einordnung drei Schnittschutzhandschuhe von Hase Safety Gloves aus unserem Sortiment, mit den Herstellerangaben nach EN 388:2016+A1:2018:

  • Hase Medio Cut Foam – EN 388: 4X43D, zusätzlich EN 407 (Kontaktwärme). HPPE-Glasfaser-Hybridgarn mit Nitrilschaum-Beschichtung an Handfläche und Fingerspitzen, Nitril-Daumenverstärkung, touch-fähig. Geeignet für Montage, Automotive und Metallverarbeitung.
  • Hase Medio Cut Neo – EN 388: 4X43D. Mikroporöse Nitrilschaum-Teilbeschichtung, touchscreen-fähig – gute Wahl, wenn zusätzlich Bediengräte mit Touchdisplay genutzt werden.
  • Hase Turin Foam Cut D – EN 388: 4X42D. 15-Gauge-HPPE-Fasern mit Nitrilschaum-Beschichtung – etwas geringere Durchstichfestigkeit (Ziffer 2 statt 3) als die Medio-Cut-Modelle, dafür ein guter Kompromiss aus Schutz, Tragekomfort und Grip für mittlere Beanspruchung.

PSA-Kategorie: Warum Schnittschutzhandschuhe "nur" Kategorie II sind

Nach der EU-PSA-Verordnung (EU) 2016/425 werden Schnittschutzhandschuhe in der Regel als Kategorie II (mittleres Risiko) eingestuft – im Unterschied zu PSA gegen Absturz, die als Kategorie III (tödliches oder irreversibles Risiko) gilt und deshalb strengeren Prüf- und Zertifizierungspflichten unterliegt. Das bedeutet nicht, dass Schnittschutz weniger wichtig ist – nur, dass die regulatorischen Anforderungen an Prüfung und Baumusterzertifizierung unterschiedlich streng ausfallen.

Häufige Fragen zu Schnittschutzhandschuhen

Was bedeuten die vier Ziffern auf Schnittschutzhandschuhen genau?

1. Ziffer: Abriebfestigkeit in Scheuertouren (0 = unter 100, 4 = ab 8.000). 2. Ziffer: alte Schnittfestigkeit nach Coupe-Test (0 bis 5, oder "X" wenn nicht bestimmbar). 3. Ziffer: Weiterreißfestigkeit in Newton (0 = unter 10 N, 4 = ab 75 N). 4. Ziffer: Durchstichfestigkeit in Newton (0 = unter 20 N, 4 = ab 150 N).

Warum steht bei der Schnittfestigkeit manchmal ein "X"?

Weil die rotierende Klinge des alten Testverfahrens bei sehr schnittfesten Materialien vorzeitig abstumpft und kein verlässliches Ergebnis liefert. Maßgeblich ist dann der Buchstabe (A–F) nach ISO 13997, der die benötigte Kraft in Newton angibt (A = 2 N bis F = 30 N).

Welche Beschichtung eignet sich am besten für ölige Arbeiten?

Nitril und Nitrilschaum sind besonders beständig gegen Öle, Fette und Kohlenwasserstoffe und bieten auch bei leicht öligen Oberflächen noch guten Grip.

Welche Beschichtung eignet sich für Präzisionsarbeiten?

PU-Beschichtungen sind dünn, atmungsaktiv und bieten die höchste Taktilität – ideal für Montage- und ESD-empfindliche Arbeiten, bei denen Fingerspitzengefühl gefragt ist.

Welche Schnittschutzklasse brauche ich für Metallverarbeitung?

Für Arbeiten mit scharfen Blechkanten oder Graten empfehlen sich in der Regel Klasse D oder höher, abhängig von der konkreten Gefährdungsbeurteilung im Betrieb.

Ist ein höherer Buchstabe immer die bessere Wahl?

Nicht zwingend. Höhere Schnittschutzklassen gehen häufig mit steiferem Material und geringerer Tastempfindlichkeit einher. Die passende Klasse richtet sich nach der tatsächlichen Gefährdung am Arbeitsplatz, nicht nach dem höchstmöglichen Wert.

Welche PSA-Kategorie haben Schnittschutzhandschuhe?

In der Regel Kategorie II nach EU-Verordnung 2016/425 – mittleres Risiko, im Unterschied zu Kategorie III bei PSA gegen Absturz.

In unserer Kategorie Handschutz findest du Schnittschutz-, Montage- und Winterhandschuhe von Hase Safety Gloves mit den jeweiligen EN-388-Klassen und Beschichtungen im Detail.

Zurück zum Blog